Inventur in der Hundezucht
Seit den 60er Jahren wurde bei immer mehr Züchtern aller Rassen die Zucht gesunder Hunde vorrangiges Ziel -
und sie hatten Erfolg! Zur gegenwärtigen Situation in der Hundezucht schreibt Dr. Helga Eichelberg, Vorsitzende des
Wissenschaftlichen Beirates im VDH, dass zwar die im VDH gezüchteten Rassehunde gesünder seien denn je,
auch gesünder als ein Großteil der Mischlinge, dass aber das steigende Wissen um mögliche Erkrankungen neue
Zuchtstrategien erfordere:
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"Man muss kein Prophet sein, um voraussagen zu können, dass auf Dauer die [üblichen]
Selektionsmaßnahmen nicht mit der Zunahme des medizinischen Wissens Schritt halten werden. [...]
Wir befinden uns wieder an einem Punkt an dem wir Inventur machen sollten.
Wir sollten wieder innehalten und uns fragen, ob die bisherigen Zuchtstrategien zukünftig noch
richtig sein werden, oder ob es Anlass zur Korrektur gibt."
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Dr. H. Eichelberg
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Das steigende Wissen um mögliche Krankheiten führt dazu, daß heute auch solche Hunde als krank eingestuft
werden, deren Abweichung von der Norm so gering ist, daß sie kaum negative Folgen für den betroffenen Hund hat.
Dennoch wird von den Zuchtverbänden und Züchtern eine intensive Selektion gegen diese Krankheiten bzw. Defekte gefordert
und durchgeführt. Diese Vorgehensweise ist es, die korrigiert werden muß,
denn Selektionsintensitäten dürfen nicht beliebig gesteigert werden:
Defektallele für bestimmte Krankheiten treten naturgemäß in gewissen Teilpopulationen gehäuft auf und eine
zu starke Selektion gegen eine bestimmte Krankheit kann zum Verlust dieser Teilpopulationen samt all ihrer
erwünschten Eigenschaften führen. Die Züchter würden nämlich den Einsatz von Hunden aus dieser Teilpopulation
meiden, da sie befürchten, ansonsten keine Zuchtzulassung für ihre Welpen zu bekommen.
Die Folge sind ein Verlust genetischer Vielfalt, eine Zunahme ungewollter Inzucht und damit eine Zunahme der
Wahrscheinlichkeit, dass an anderen Genorten Defektallele reinerbig vorliegen. Das Ergebnis ist zwar ein
Rückgang der bekämpften Krankheit, jedoch um den Preis, dass die Zahl der Hunde zunimmt, die an anderen
Krankheiten leiden.
Als ein Beispiel aus der Norfolk Terrier Zucht können and dieser Stelle Gebißfehler dienen: So ist es
zur Zeit kaum möglich, für Nachkommen von Hunden bestimmter ausländischer Linien in Deutschland eine Zuchtzulassung
zu bekommen, was den Genpool der deutschen Hunde einengt.
Daher darf es
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"künftig nicht mehr möglich sein, dass irgendjemand meint, in einer Rasse einen Defekt entdeckt zu haben
und dann geradezu erpresserisch auf einer Selektion besteht. Zukünftig sollte sich kein Verein kopflos
und aktionistisch auf fragwürdige Züchtungsabenteuer einlassen.
Man kann eine Rasse nämlich auch zu Tode selektieren!"
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Dr. H. Eichelberg
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Was sind jedoch geeignete Zuchtstrategien? Im Hinblick auf die Erhaltung genetischer Vielfalt wäre es wünschenswert,
wenn eine Selektion nur innerhalb von Voll- oder Halbgeschwistergruppen stattfinden würde - und zwar auf die
erblichen Merkmale, bei denen die größte Variabilität vorliegt. Solch eine Zuchtstrategie würde auf
die Einsicht und Kompetenz aller Züchter setzen, sowie unter Umständen einen Verkauf von Welpen mit
Zuchtrechtabtretung notwendig machen. Dies ließe sich jedoch kaum verwirklichen.
Auch ist zu bedenken, dass bei Krankheiten mit rezessivem Erbgang eine vollständige Elimination der Defektallele
ohne Inzucht oder Marker innerhalb weniger Generationen gar nicht möglich ist.
Dies liegt daran, daß bei geringer Allelfrequenz viele Defektallel-Träger nicht erkranken und somit nicht ausselektiert
werden können.
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"Ich halte es für völlig unsinnig, sich Ziele zu stecken, von denen man schon während der Formulierung weiß,
dass sie nicht zu erfüllen sind. [...] Bei der Defektbekämpfung wird es zukünftig notwendig sein,
für die Rassen Prioritätenlisten aufzustellen."
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Dr. H. Eichelberg
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Als Auswahlkriterium für eine Prioritätenliste wird der Leidensdruck des Hundes vorgeschlagen.
Es macht eben einen Unterschied, ob dem Hund ein paar Prämolare fehlen, oder ob er schon in jungen Jahren an
Niereninsuffizienz leidet. Auch die Erblichkeit der Krankheit, sowie Umfang und Qualität der
Daten, die den Entscheidungen zugrundeliegen, sollten bei der Auswahl berücksichtigt werden.
Die neue Zuchtordnung des VDH wird ein Phasenmodell enthalten, das alle Rassezuchtvereine verpflichtet,
sich unter wissenschaftlicher Begleitung mit den erblichen Erkrankungen ihrer Rassen auseinanderzusetzen.